06.04.2019

Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch während der Bischofszeit von Heinrich Maria Janssen

Unabhängige Experten arbeiten Missbrauch auf

Transparent und umfänglich will das Bistum Hildesheim sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch während der Bischofszeit von Heinrich Maria Janssen (1957–1982) aufarbeiten. Mit dem Thema beschäftigen sich jetzt unabhängige Experten. An deren Spitze: die ehemalige Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz.

Dr. Peter Mosser | Fotos: bph

Hildesheim (bph/kiz). Nach dem 2017 veröffentlichten Gutachten des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aus München ist es das zweite Mal, dass die Diözese Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt in ihrem Verantwortungsbereich von Gutachtern untersuchen lässt. Diese Untersuchung wird von einem Expertenteam durchgeführt, das unabhängig von den Interessen des Bistums arbeiten wird.

Die Leitung der externen Untersuchung hat die ehemalige niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz übernommen. Sie fungiert als Obfrau. Interviews mit Betroffenen und weiteren Zeitzeugen obliegen dem IPP unter Leitung der Diplom-Psychologen Gerhard Hackenschmied und Dr. Peter Mosser. Sie sind die Hauptautoren des vor zwei Jahren veröffentlichten Gutachtens zu verschiedenen Missbrauchsfällen im Bistum Hildesheim.

Die Recherche im Archiv leistet der Leitende Oberstaatsanwalt a. D. Kurt Schrimm aus Stuttgart. Er war 15 Jahre lang Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

Antje Niewisch-Lennartz ist zusätzlich zu ihrer Funktion als Obfrau der Expertengruppe für Personen ansprechbar, die sich als Zeitzeugen äußern oder in anderer Weise Hinweise geben möchten, die für die Untersuchung relevant sein könnten (Kontaktmöglichkeiten siehe Kasten).
 

Gerhard Hackenschmied

Dazu können etwa Schilderungen ehemaliger kirchlicher Mitarbeiter gehören, die sich möglicherweise bisher nicht geäußert haben, weil sie dienstrechtliche Konsequenzen fürchteten. Auch Beobachtungen und Einschätzungen von damaligen Gemeindemitgliedern oder von Personen, die beispielsweise in Internaten, Heimen oder im Priesterseminar gewesen sind, werden von der Expertengruppe entgegengenommen.

Dieses offene Gesprächsangebot der externen Experten richtet sich dezidiert auch an Betroffene sexualisierter Gewalt, die sich als Zeitzeugen äußern möchten. Betroffene haben darüber hinaus aber weiterhin jederzeit die Möglichkeit, sich an die fachlich zuständigen und entsprechend geschulten Ansprechpersonen für Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim zu wenden, die ebenfalls in keinem Abhängigkeitsverhältnis zum Bistum Hildesheim stehen.
 

Antje Niewisch-Lennartz

„Wir möchten eine offene, schonungslose und wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung des Unrechts. Ich bin Frau Niewisch-Lennartz, Herrn Hackenschmied, Herrn Dr. Mosser und Herrn Schrimm sehr dankbar, dass sie diese wichtige Aufgabe übernehmen. Sie sind absolut unabhängig von unserer Kirche und daher bestens geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen“, sagt Bischof Dr. Heiner Wilmer.

„Ich denke daran, was für ein unfassbares Leid Priester jungen Menschen angetan haben. Es ist unsere Pflicht, uns ehrlich und schonungslos mit dieser düsteren Seite der Vergangenheit in unserer Diözese zu befassen“, sagte Wilmer. Die Wahrheit sei der erste Schritt zur Gerechtigkeit. Beides schulde die Kirche den Betroffenen.

Der Bischof versicherte, den Experten alles zur Verfügung zu stellen, was sie für ihre Untersuchung benötigen. Ihre Arbeit sei ergebnisoffen. Wilmer: „Die Experten werden die Resultate ihrer Recherchen dem Bistum und der Öffentlichkeit ohne jegliche Einschränkung und Rücksichtnahme in einem Bericht mitteilen.“
 

Kurt Schrimm

Den Ausgangspunkt für das Vorhaben bilden die in den Jahren 2015 und 2018 dokumentierten Missbrauchsvorwürfen zweier Betroffener gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen. Die Aufarbeitung wird aber deutlich darüber hinausgehen und zeitlich die Jahre 1957 bis 1982 umfassen. Während dieses Zeitraums war Janssen Bischof von Hildesheim.

Es wird um die Frage gehen, welche Rolle die Führungsebene des Bistums im Umgang mit Priestern spielte, die in der Amtszeit Janssens tätig gewesen und des sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden sind.

Ebenso soll geklärt werden, ob es ein Beziehungsgeflecht der mutmaßlichen Täter untereinander gab und ob dieses mögliche Beziehungsgeflecht durch ein bestimmtes Personalmanagement gefördert wurde.

Darüber hinaus wird Bestandteil der Untersuchung sein, inwieweit institutionelle Bedingungen zum Entstehen von sexualisierter Gewalt beigetragen haben und welche Institutionen betroffen waren. Die Ergebnisse sollen 2020 präsentiert werden.