17.06.2022

Ausstellung von Gerd Winner in Bad Gandersheim

Unterwegs sein

Straßenschilder, Kreuzungen und Kreuze, sich kreuzende Hochhausschluchten und immer wieder Labyrinthe – 39 großformatige Arbeiten hat der bekannte Künstler Gerd Winner in der evangelischen Stiftskirche in Bad Gandersheim ausgestellt.

Schon seit seiner Jugend ist der Künstler Gerd Winner
vom Labyrinth der Kathedrale von Chartres beeindruckt
und hat immer wieder das Motiv Labyrinth verarbeitet.
Mal ist man ganz nah am Ziel, dann wieder weit weg,
aber man gelangt nicht auf Abwege, sondern auf dem
einen Weg zum Ziel.

In Bad Gandersheim ist Gerd Winner kein Unbekannter. In der katholischen Kirche St. Mariä Himmelfahrt hängt an der Rückwand des Altarraumes eine Madonna. Auch der Ständer der Osterkerze, der Tabernakel und die Kerzenleuchter neben dem Altar stammen von ihm. „Für mich ist die aktuelle Ausstellung eine logische Fortsetzung“, sagt Winner.

Sie ist überschrieben mit dem Titel „Unterwegs sein“. Etwas zutiefst Menschliches, meint der Künstler. Wir alle sind unterwegs und kommen immer wieder an Kreuzungen, an denen wir uns neu ausrichten müssen. „Manchmal werden wir geleitet, manchmal sind Kreuzungen unübersichtlich und verwirrend“, sagt Winner.
 

„DEAD END AHEAD“, „Sackgasse voraus“
steht auf diesem an ein Straßenschild
erinnerndes Bild, das Gerd Winner bislang
noch nicht ausgestellt hat. 

Für ihn ist diese Ausstellung auch etwas sehr Persönliches. „Sie spiegelt den Weg des Künstlers und meinen persönlichen Weg wider. Es ist ein Weg durch verschiedene Schaffensperioden aus New York, England oder auch Frankreich“, erzählt Winner. Und bleibt bei einem Bild hängen, dem Labyrinth aus der Kathedrale Notre Dame in Chartres. „Als 17-Jähriger habe ich das erste Mal davor gestanden und bin davon nicht wieder losgekommen.“

Die christlichen Labyrinthe unterscheiden sich von denen der mythischen Sagenwelt. Gibt es hier Sackgassen und Irrwege, sind die christlichen Labyrinthe immer zielführend. „Auch wenn man sich dem Ziel anscheinend nähert, führt die nächste Biegung einen zwar wieder davon fort, aber der Weg nähert sich unaufhaltsam dem Ziel, verlaufen kann man sich nicht. Er führt zum Alpha und Omega, zu Gott“, betont Winner. Für ihn ist das Labyrinth das Symbol des Unterwegsseins des Menschen schlechthin und deutet den zielgerechten Weg der Annäherung, der Umkehr und der erneuten Ausrichtung im christlichen Glauben auf Jesus hin.
 

Das Bild der Madonna mit dem Kind
und dem gekreuzigten Jesus in der
katholischen Kirche passt von der
Thematik in die Ausstellung „Unterwegs sein“.

Winner lehnt entschieden den Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ ab. „Denn das Ziel ist die sinngebende Orientierung des Weges im Leben, in der Kunst  und im Glauben“, betont der 85-Jährige. Weg und Ziel sind für ihn eine Einheit.

Seine Werke lassen viele Deutungen zu. Einige hat er mit Schriftzügen versehen: „Exodus“ oder auch „Babylon“. Sie erinnern an biblische Ereignisse, wo Menschen unterwegs waren – verschleppt in die babylonische Gefangenschaft oder nach dem Exodus aus Ägypten auf dem Weg ins gelobte Land. Auch hier sind die Wege nicht geradlinig – aber zielführend.

Die Ausstellung „Unterwegs sein“ kann zu den Öffnungszeiten der Stiftskirche in der Zeit der Domfestspiele betrachtet werden. Sie endet am 4. September.

Edmund Deppe