23.10.2020

Häuser der Nachkriegszeit in einem Freilichtmuseum?

Vom Wunder der Nachkriegszeit

Häuser der Nachkriegszeit in einem Freilichtmuseum? Das hat gute Gründe: Auf dem Kiekeberg bei Harburg berichtet das Projekt „Königsberger Straße“, wie es gelang, Millionen von Menschen eine neue Heimat zu geben.

Das Blechdach der Nissenhütte wölbt sich über den
Bewohnern und ihren Habseligkeiten. „Living History“
macht Geschichte im Freilichtmuseum Kiekeberg lebendig.

Der Korbmacher bindet Weiden, der Schmied bearbeitet das glühende Eisen, der Bäcker schießt das Brot in den Backofen und die Bäuerin hat sich zum Melken auf den einbeinigen Schemel gesetzt. Freilichtmuseen setzen verstärkt auf „Living History“: Zwischen Fachwerk und Schweinestall, im Gemüsegarten und in der Werkstatt stellen Männer und Frauen an besonderen Aktionstagen das Landleben nach. Und mancher, der dabei zuschaut, wünscht sich insgeheim eine wenigstens befristete Zeitreise in das vermeintliche Idyll. Wie hart und entbehrungsreich der Alltag hingegen unmittelbar nach dem Krieg für hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge war, demonstriert das Freilichtmuseum Kiekeberg bei Harburg.

Von der Nissenhütte zum Siedlungshaus

Eine originalgetreue Nissenhütte – so hießen die Notunterkünfte aus Wellblech – erzählt alles andere als romantisierende Geschichten. Strohlager und roh zusammen gezimmerte Etagenbetten, ein wackeliger Stuhl, die geretteten Habseligkeiten im Koffer oder Karton, eine Wäscheleine quer durch den Raum, ein qualmender Kanonenofen. Mehrmals im Jahr wird die Nissenhütte belebt. Dann sehen wir Menschen in abgetragenen Kleidern. Sie stecken die Köpfe zusammen, schlagen die Zeit tot, hacken Bohnen und Kartoffeln im kargen Boden neben ihrer Behausung.
 

Siedlungshäuser wie hier beim Projekt „Königsberger Straße“
prägen bis heute das Bild der Landschaft.

Wellblechhütten als Notunterkunft gab es lange überall in Deutschland, heute erinnern sich allenfalls die Alten daran. Auf dem Harburger Kiekeberg allerdings wird dieses Kapitel vom Aufbau erzählt – auf einem kompletten Areal, auf dem in nächster Zeit die ganze Geschichte bis hin zum Wirtschaftswunder zu erleben ist. Das bundesweit einzigartige Projekt „Königsberger Straße“ sorgt für Interesse in Fachkreisen und bei Wissenschaftlern. Schon für Besucher geöffnet sind zwei typische Siedlungshäuser der Nachkriegszeit, eins davon mit einer informativen Ausstellung. In der Nachbarschaft steht bereits eine Tankstelle als Symbol für die sich allmählich entwickelnde Mobilität. Ein klassisches Fertighaus aus dem Katalog eines Versandhauses und ein – im Vergleich zu heutigen Maßstäben – winziger Supermarkt kommen hinzu. Am Ende soll im Freilichtmuseum die „Heimat in der jungen Bundesrepublik“ erlebbar werden – einschließlich Gärten, Straßenlaternen, Litfaßsäule und Telefonzelle.

„Unsere Königsberger Straße ist typisch für das Leben in der Nachkriegszeit“, sagt Museumsdirektor Stefan Zimmermann. „Wir stellen dar, wie Einheimische, aber auch Neubürger die Aufbauzeit nach dem Krieg erlebten.“ Mehr noch: der Wiederaufbau kriegszerstörter Städte und die Integration von Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – vor allem aus Schlesien und Ostpreußen – veränderte das Bild bis hinein in die Dörfer, um deren gewachsene Struktur herum die Siedlungen aus dem Boden gestampft wurden.

Wie sich die Situation nach 1945 darstellte, wird exemplarisch an Harburg vor den Toren Hamburgs in der Ausstellung erläutert, die im kürzlich eingeweihten Doppelhaus zu sehen ist. Insgesamt rund zehn Millionen Menschen mussten integriert werden. Konkret hieß das für manche Landkreise wie Harburg (das damals zum Bistum Hildesheim gehörte) eine Verdoppelung der Einwohnerzahl. Immer mehr strömten heran, ausgemergelt, von Krankheiten gezeichnet, ein paar Habseligkeiten im Rucksack oder im Handwagen. Kaum jemand hielt ihre Unterbringung, geschweige denn ihre Eingliederung angesichts der noch qualmenden Trümmerlandschaften und der dramatischen Versorgungslage für möglich. Stefan Zimmermann: „Dass es letztlich gelungen ist – aus heutiger Sicht verhältnismäßig solidarisch und harmonisch – ist das eigentliche Wunder der Nachkriegszeit.“
 

Eine informative Ausstellung dokumentiert, wie die
Eingliederung der Menschen aus den Ostgebieten gelungen ist.

Dieses Wunder steht im Mittelpunkt der Ausstellung und des gesamten Projekts Königsberger Straße: Zeitzeugen kommen zu Wort und berichten von ihren Sorgen und Hoffnungen, Schautafeln, Fotos, Dokumente berichten von ihren Leistungen.

Gesangbuch und Heimaterde erzählen Geschichte

Besonders eindrücklich erzählt wird die Geschichte durch eher unspektakuläre Exponate. Alfred Gassner beispielsweise hat sein Gesangbuch, eine Ausgabe für die Provinz Ostpreußen, für die Vitrinen zur Verfügung gestellt. Es ist ein Geschenk zu seiner Konfirmation im Jahr 1935. Das Gesangbuch kann durchaus auch als Symbol gelten für Hindernisse, die den Menschen die Eingliederung unnötig schwer machten: Die konfessionelle Vermischung sorgte für zusätzliche Spannungen, wenn Katholiken in evangelisch geprägte Gebiete kamen und umgekehrt. Es war durchaus ein langer Weg, bis die Weihe neuer Kirchen – etwa die Kreuzkirche in Neu Wulmstorf (1954) oder die katholische Kirche St. Ansgar in Hittfeld (1964) – zu einem Festtag für den  ganzen Ort wurden.

Erschwert wurde die Integration der Neubürger auch durch die zum Teil feste Überzeugung bis in die 50er-Jahre, Deutschland bekäme irgendwann seine Ostgebiete zurück – eine Hoffnung, die spätestens mit der Festlegung der Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens im Warschauer Vertrag 1970 zunichte gemacht wurde. Es blieb die wehmütige Erinnerung, wie ein unscheinbares Glas in einem der Schaukästen erzählt. Als Hans-Günther Segendorf 1991 erstmals wieder in seine ostpreußische Heimat fuhr und seinen Geburtsort Heiligenbeil besuchte, füllte er eine Handvoll Erde in das Glas.

Ein Spaziergang durch die Königsberger Straße im Museumsdorf Kiekeberg erzählt aber auch von einer inzwischen vergangenen Handwerkskunst, die Kunst, Stein für Stein, Balken für Balken ein Haus zu bauen. Auch wenn die Nachteile aus heutiger Sicht offensichtlich sind: die Mauern wegen Materialmangels knapp bemessen, Wärme- und Schallschutz ein Fremdwort, einfach verglaste Fenster, bedenkenloser Umgang mit chemischem Holzschutz. Aber wo wird heute noch der Richtkranz aufgezogen – unter Teilnahme der ganzen Nachbarschaft, bei Schnaps, Mettbrötchen und dem Hillebille der Zimmerleute?

Unter dem Motto „Sonntags im Museum – Das Leben nach 1945“ werden regelmäßig Führungen durch die Königsberger Straße angeboten. Der nächste Termin ist am 8. November von 10 bis 18 Uhr. Internet: www.kiekeberg-museum.de

Stefan Branahl