16.09.2020

Von Königsgräbern und Geisterklavieren

Wer sich gern aufs Rad schwingt, kann zwischen Braunschweig und Helmstedt viel entdecken. Alles, was Sie dafür mitbringen müssen: etwas Kondition und vor allem offene Augen und wache Ohren.

Ein paar Autos stören und dennoch präsentiert sich
die Klosteranlage Riddagshausen mittelalterlich.

Der Stadtteil Riddagshausen ist kaum drei Kilometer von der Braunschweiger Innenstadt entfernt und doch fühlt man sich in eine andere Welt versetzt: Vom Hauptbahnhof kommend, tut sich links der Ebertallee ein weites Naturschutzgebiet mit Teichen, Wiesen und Wäldern auf, rechts eine Klosteranlage der Zisterzienser aus dem 12. Jahrhundert.

Dass Kloster und Teiche heute durch eine Hauptstraße getrennt sind, ist der Moderne geschuldet. Einst gehörte beides zusammen. Vor rund 900 Jahren legten Mönche die Teiche an und ließen aus einer Bruchlandschaft Äcker werden. Heute sind die Flächen Naturschutzgebiet und bieten Raum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Rohrdrommeln, Wasserrallen und Löffelenten lassen sich hier von Aussichtsplattformen beobachten. Mit etwas Geduld erspäht man auch Hasen und Füchse.

Das Naturschutzgebiet Riddagshausen ist ein wichtiger Rastplatz für durchziehende Vogelarten. Schon 1962 erhielt es das Prädikat „Europareservat“. Wer kein Experte in Sachen Flora und Fauna ist, lässt einfach die großartige Landschaft auf sich wirken – hier zu radeln, macht Spaß.
 

Angsteinflößende Fratzen begegnen
dem Besucher im Kaiserdom.

Bevor wir uns allerdings für längere Zeit in den Sattel schwingen, steht ein Besuch des Klosters Riddagshausen auf dem Programm. Nicht nur die ehemalige Klosterkirche, sondern die gesamte Anlage vermittelt das Bild einer längst vergangenen Zeit: Fachwerkbauten, Torbogen, dicke Mauern, Kopfsteinpflaster, tief herunterhängende Äste al­ter Bäume. Eine eigene, ganz ruhige Atmosphäre lässt sich erspüren und der Besucher kann sich vorstellen, wie es hier vor vielen hundert Jahren zugegangen ist. Wer über die Geschichte des Klosters und der Zisterzienser mehr erfahren möchte, ist im Zisterziensermuseum richtig. Auch ein Besuch des Klos­tergartens lohnt.

Nach diesen Eindrücken heißt es nun erst mal in die Pedale treten. Die nächste Etappe fordert den Radfahrer. Das Ziel Königslutter ist gut 20 Kilometer oder eineinhalb Stunden entfernt, am Ende gibt es den einzigen nennenswerten Anstieg der Tour. Der Weg führt durch Wald und Feld, immer wieder werden kleine, oft romantische Ortschaften durchfahren.

Hauptattraktion in Königslutter ist die Stiftskirche St. Peter und Paul, die allgemein nur als Kaiserdom bekannt ist. Kaiserdom heißt das Gotteshaus, weil hier Kaiser Lothar begraben liegt. Lothar wurde 1075 im nur wenige Kilometer entfernten Süpplingenburg geboren, der nächsten Station der Tour.

Der Mann hat es weit gebracht: 1125 wurde er in Aachen zum König gekrönt, 1133 in Rom zum Kaiser. In Italien unterwarf er die oberitalienischen Städte und eilte Papst Innozenz II. zur Hilfe, der in Apulien von Normannen bedrängt wurde.
 

Von einer Aussichtsplattform lassen sich Flora und
Fauna entdecken.

Als Lothar 1137 in Breitenwang am Lech starb, wurden seine Gebeine – wegen des langen Transportweges – zuvor gekocht und vom Fleisch getrennt – nach Königslutter gebracht. In der noch nicht fertigen Kirche wurden sie beigesetzt.

Der Kaiserdom hat aber noch wesentlich mehr zu bieten, als die Knochen eines vor bald 900 Jahren verstorbenen Fürsten, zum Beispiel einen sehr eindrucksvollen Kreuzgang und eine bemerkenswerte, äußerst farbenfrohe Ausmalung – die stammt allerdings erst aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. An Kapitellen werden Elemente und Jahreszeiten dargestellt, an anderen gucken einem grimmig dreinblickende Fratzen entgegen.

Wer den Kaiserdom verlässt, stolpert fast von selbst in das Museum für mechanische Musikinstrumente. Hier trifft man auf Spieluhren und Grammophone, auf Musikschränke des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die ganze Orchester ersetzten, und auf Klaviere, die wie von Geisterhand spielen. Das Schöne: Bei einer Führung darf man viele Ausstellungsstücke anfassen und selbst in Bewegung setzen.

So, jetzt wieder aufsatteln. Das nächs­te Ziel heißt Süpplingenburg. Der Ort zählt heute weniger als 700 Einwohner – und doch wurde hier einst Geschichte geschrieben.

Schon im 10. Jahrhundert gründete hier Otto III. eine Sumpfburg an dem kleinen Fluss Schunter. Um 1150 war diese Burg Stammsitz des bereits erwähnten Lothars von Süpplingenburg, des späteren Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Burg überstand Stürme und Feuersbrünste und blieb auch im 30-jährigen Krieg unversehrt. Doch im Laufe der Jahrhunderte nagte auch an ihr der Zahn der Zeit. Im 19. Jahrhundert wurden die Gebäude der Komturei abge­rissen und die Burggräben zugeschüttet.

Von der einstigen Herrlichkeit des Ortes zeugt heute nur noch die St.-Johannis-Kirche, die seit dem 12. Jahrhundert ein Stützpunkt der Templer und später der Johanniter war. Noch immer finden in dem Gotteshaus Treffen von Tempelrittern statt. Leider ist der Bau, der mächtig über dem kleinen Ort thront, nur nach Absprache zu besichtigen. Doch dem, der sich rechtzeitig anmeldet, öffnet sich ein herrlicher romanischer Kirchbau.

Auf zur letzten Etappe, dem knapp zehn Kilometer entfernten Helmstedt. Die ehemalige Universitäts- und Grenzstadt ist eigens einen Besuch wert. Nach einer Tagestour auf dem Sattel überfordert sie den Gast beinahe. Wir beschränken uns daher auf das Ludgeri-Kloster (heute eine Bildungs- und Begegnungsstätte) und dessen Doppelkapelle. Der untere Teil der Kapelle wurde Anfang des 9. Jahrhunderts begonnen, der obere Teil kam 1050 dazu – damit besichtigen wir das älteste Bauwerk des Braunschweiger Landes.

Nach so viel Natur, Kultur und Zufriedenheit über die erbrachte Tretleistung sind wir wieder in der Gegenwart angekommen und genehmigen uns in der Altstadt einen Kaffee, ein Eis oder – was würde besser passen? – ein Radler.

Matthias Bode

 

Die Route: von Braunschweig nach Helmstedt
Die Radtour beginnt am Hauptbahnhof in Braunschweig und endet am Bahnhof in Helmstedt. Von dort aus geht es mit dem Zug in einer knappen halben Stunde zurück zum Ausgangsort, Abfahrt alle 60 Minuten (www.bahn.de).
Man radelt zumeist auf Feld-, Wald- und Wirtschaftswegen, dort wo es an Straßen entlanggeht, gibt es fast immer eigene Fahrradwege. Der Untergrund ist mal asphaltiert, mal geschottert, aber immer gut befahrbar. Die Strecke ist recht ordentlich ausgeschildert. Eine Fahrradkarte kann dennoch nützlich sein. Wer will, kann auch auf moderne Hilfsmittel zurückgreifen: In die Fahrrad-App Komoot vor Tourbeginn die Strecke eingeben, dann wird man zuverlässig zum Ziel gelotst.
Steigungen halten sich auf der gesamten Route in Grenzen, nur die Auffahrt zum Kaiserdom in Königslutter kann für weniger geübte Radler kleine Probleme bereiten: 10 Prozent beträgt die Steigung hier. Dann heißt es absteigen und einige hundert Meter schieben. Die Strecke hat mit kleinen Umwegen zu den Sehenswürdigkeiten und einigen Runden durch die Ortschaften eine Länge von rund 45 Kilometern. Gut drei Stunden reine Fahrzeit sollte man einkalkulieren. Wer sich Zeit für Entdeckungen nimmt, ist gut und gern den ganzen Tag unterwegs.