25.10.2019

Rund 70 Männer und Frauen treffen sich in Hildesheim

Vor dem Synodalen Weg geht der Blick zurück

Am 1. Advent startet der von den deutschen Bischöfen ausgerufene „Synodale Weg“. Im Vorfeld trafen sich rund 70 Männer und Frauen in Hildesheim, um auf die Vorgehensweisen und Ergebnisse bisheriger Synoden zu schauen.

Synode 1968/69: Die Antonius-Kirche, diente als Synodenaula, Laien durften mitbestimmen.

„Die alten Ordnungen sind weithin erschüttert. Erschüttert ist der Gottes- und Christusglaube; selbst die alten Ideen der Wahrheit und Sittlichkeit werden angegriffen und verlassen. Die geistige Erschütterung will alles aus den Fugen heben. In dieser erschreckenden Lage sucht der moderne Mensch nach einer neuen Religion. Er will nicht mehr nach oben in ein Jenseits schauen, ihm sind die Erde und das Diesseits alles.“ Die Sprache mag etwas überholt wirken, der Inhalt passt durchaus in die Gegenwart, doch das Zitat ist über 80 Jahre alt. Es stammt aus der Eröffnungsrede von Bischof Joseph Godehard Machens zur Diözesansynode 1937. Hintergrund war der um sich greifende Nationalsozialismus.

Dr. Thomas Scharf-Wrede, Bistumsarchivar und Vorsitzender des Vereins für Geschichte und Kunst, hatte noch weitere Synoden-Zitate parat, so die Ausführungen von Professor Dr. Konrad Algermissen zum Thema Großstadtseelsorge: „Unsere Hauptaufgabe ist die Schaffung der lebendigen Pfarrgemeinde, das heißt der Pfarrfamilie. Gelingt das nicht, so wird die Großstadtgemeinde immer mehr den Charakter der Volkskirche verlieren und das Bild der Sektengemeinschaft, der Gemeinde von Auserwählten zeigen.“ Und Pastor Anton Sauermost aus Hannover bemerkte: „Wir müssen mehr über Gott predigen, nichts ist heute notwendiger!“ – Wer wollte dem 82 Jahre später widersprechen?

Was muss sich ändern, damit das Evangelium glaubwürdig verkündet werden kann?  Diese Frage hat sich die Kirche in der Vergangenheit immer wieder neu gestellt – und manches scheinbar aktuelle Thema ist in Wirklichkeit schon uralt.

Synoden sollten Missstände abstellen

Synoden und Konzilien haben in der Kirche eine lange Tradition, erste Diözesansynoden sind im Bistum Hildesheim bereits Anfang des 11. Jahrhunderts belegt, wie Professor Hans-Georg Aschoff berichtete. Ihr Charakter unterschied sich grundlegend von heutigen Synoden. Sie fanden mehrmals im Jahr statt und dauerten jeweils nur ein oder zwei Tage. Einerseits ließ sich der Bischof über das Leben im Bistum informieren, andererseits gab er klare Ansagen an die Teilnehmer. Eines war aber ab Mitte des 14. Jahrhunderts ähnlich zu heutigen Zusammenkünften: Die Synoden beschäftigten sich mit der Abstellung von Missständen und Missbräuchen – die gab es offenbar reichlich, vor allem unter Klerikern. Die Geistlichen wurden zum sorgfältigen Singen und Beten ebenso angehalten wie zur Meidung von Wirtshäusern und Schauspielen. Ein eigener Paragraf der Synodalstatuten des 14. Jahrhunderts betraf Maßnahmen gegen das Konkubinat. Die Welt war auch damals keineswegs in Ordnung.

Was auffällt: Die wichtigen Diözesansynoden fallen in die Zeit großer Umbrüche: 1539 versucht man, der Ausbreitung der Reformation entgegenzuwirken, 1937 geht es um die dramatischen Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das kirchliche Leben, 1948 um eine Neuordnung der Seelsorge nach dem Zuzug von rund 500 000 Flüchtlingen aus dem deutschen Osten. Die Diözesansynode 1968 – erstmals seit Jahrhunderten wieder mit der Beteiligung von Laien – fällt in die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und dient der Rezeption der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dass während der Diözesansynode 1989/90 der Eiserne Vorhang fällt, ist eher zufällig, doch auch hier kündigen sich Umbrüche an.

Im Vorfeld der Synode 1989/90 hatte Professor Gottfried Leder die Frage aufgeworfen, was denn passieren würde, wenn die Synode Dinge beschließen würde, die der Bischof nicht mittragen könne oder wolle. Mancher hielt die Fragestellung für theoretisch, doch genau so kam es: Bischof Josef Homeyer sah sich gezwungen, einige Passagen zu ändern, die sich aus seiner Sicht nicht mit der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition deckten. Dass es dabei nicht zum Eklat kam, war dem Umstand zu verdanken, dass Homeyer seine Bedenken frühzeitig angemeldet hatte und den von den Synodalen beschlossenen Text nicht in der Schublade verschwinden ließ, sondern ihn in Fußnoten veröffentlichte. Für Leder ein beispielhaftes Vorgehen.

Synoden haben bis heute lediglich beratenden Charakter, einziger Gesetzgeber im Bistum bleibt der Bischof, wie Benedikt Steenberg, Mitarbeiter der Stabs­abteilung Recht/Kirchenrecht im Generalvikariat verdeutlichte. Der Ruf nach verbindlichen Mitbestimmungsregeln für die Laien wird jedoch lauter. „Es muss mehr demokratische Entscheidungsfindung in der Kirche geben“, forderte Heinz-Wilhelm Brockmann, ehemaliger Vizepräsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken aus Osnabrück. Er machte darauf aufmerksam, dass es in der Kirche durchaus undemokratische Strukturen gebe, beispielsweise beim Konklave.

Zusagen zur Verbindlichkeit von Beschlüssen des synodalen Weges machte Bischof Heiner Wilmer nicht, aber er stellte klar: „Die Kirche muss sich immer wieder neu hinterfragen und erneuern.“ Und diese Erneuerung sei „keineswegs nur eine Aufgabe der Amtsträger, sondern eine Aufgabe von uns allen.“ Ihn bewege die Frage, wie man in der Kirche bei aller Notwendigkeit von Struktur- und Teilhabedebatten wieder zu einer gewissen Leichtigkeit finde. Wilmer: „Wir müssen Trost aus dem Glauben finden und über Gott reden“.

Nichts verschweigen, mutig vorangehen

Neben einem Rückblick wagten die Teilnehmer der Veranstaltung, zu der der Diözesanrat und der Verein für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim eingeladen hatten, auch einen Blick auf den bevorstehenden Synodalen Weg. Eine einheitliche Linie zeichnete sich dabei nicht ab. Felicitas Teske, eine seit Jahrzehnten auf allen Ebenen der Laienarbeit engagierte Frau, forderte ein mutiges Herangehen. Nichts dürfe verschwiegen werden, man müsse die Zeichen der Zeit erkennen. Bei den Themen Macht und Partizipation von Frauen liege vieles im Argen. Christian Heimann, Vorsitzender des Diözesanrates, erklärte, der bevorstehende Prozess sei ein „Marathon“, während Thomas Scharf-Wrede fragte, ob Gemeinden denn überhaupt marathontauglich seien. Christian Hennecke, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge, machte deutlich, dass sich die Rezeption einer Synode nicht von selbst ereigne, sondern viel Anstrengung erfordere.

Dass sich die Umsetzung von Synodenbeschlüssen oft schwierig gestaltet, zeigt wiederum ein Blick in die Vergangenheit: Die Diözesansynode des 16. Jahrhunderts konnte die Reformation nicht zurückdrehen, Anfragen der 1968/69-Synode wurden bis heute von Rom nicht beantwortet,  und manche Beschlüsse der letzten Synode 1989/90 warten noch immer auf ihre Verwirklichung. Dass es auch beim bevorstehenden Synodalen Prozess nicht ganz einfach werden dürfte, macht ein Brief des Papstes deutlich: Die deutsche Kirche dürfe keinen Sonderweg einschlagen und sich nicht von der Weltkirche entfernen, schrieb Franziskus den deutschen Katholiken (die KiZ berichtete ausführlich). Und so blieb am Schluss die bange Frage eines Teilnehmers: „Was passiert, wenn wir die Dinge nicht umsetzen können?“

Matthias Bode

 

Die Themen

Der Startschuss für die Reformgespräche fällt am 1. Advent. Beim Synodalen Weg soll es unter anderem um folgende Punkte gehen:
– um die Aufarbeitung von Fällen von sexuellem Missbrauch in der Kirche und um den Missbrauch von Macht;
– um die Lebensform der Bischöfe und Priester;
– um die Sexualmoral der Kirche;
– um Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche.