21.02.2018

Alte katholische Bräuche

Was den Glaubensalltag prägen kann

Der Glaube ist nicht nur ein inneres Geschehen, er muss auch sichtbar werden. Etwa im Gang zur Kirche am Sonntag, aber auch wochentags und zu Hause. In Gewohnheiten, Gebeten, Gesten. Alltägliche Rituale und Bräuche werden anscheinend immer weniger gepflegt. Doch sie bleiben nötig und wichtig.

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Typisch katholisch: das Rosenkranzgebet. Praktiziert wird es allerdings vorwiegend von der älteren Generation. Foto: kna

 

Da war der Bär los, als Schauspieler Til Schweiger vor sechs Jahren den Vorspann des sonntäglichen „Tatort“-Krimis ausmustern und gegen einen aufgefrischten austauschen wollte. Das Fernsehvolk erhob sich und widersetzte sich jeder Erneuerung.

So ist das eben mit Traditionen und Ritualen: Sie bringen Ordnung in den Alltag, bieten Halt und Orientierung und stiften Einheit und Zusammenhalt. Das brauchen die Menschen, das braucht die Gesellschaft. Das sind nicht einfach nur alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören.

Dass Bräuche und Rituale den Alltag ganz wesentlich prägen, wissen vor allem auch Katholiken sehr genau. Sie kennen eine Fülle altüberlieferter Sitten und Gepflogenheiten. Freilich: Nicht wenige dieser Übungen verschwinden offensichtlich schleichend, drohen womöglich sogar auszusterben.

Wer unterbricht noch mittags die Arbeit, um den „Engel des Herrn“ zu beten? Dass am Freitag kein Fleisch auf den Tisch kommt – ja, das kennt man von früher, muss man aber heutzutage nicht mehr so eng sehen. In wie vielen katholischen Familien wird der Namenstag gefeiert? Wer segnet sich oder die Seinen daheim noch mit Weihwasser? Ist das Abendgebet mit den Kindern noch gängige Praxis oder bleibt es bei der Gute-Nacht-Geschichte?

Religiöse Rituale können sehr bereichernd sein – wenn man mit dem Herzen dabei ist

ie, könnte man bang fragen, steht es um einen Glauben, der sich immer weniger in alltäglichen Gesten und Gebräuchen ausdrückt? Der zu Hause und in der Öffentlichkeit zunehmend unsichtbar wird? Andererseits: Manches Ritual gerät nur vorübergehend aus dem Blick und wird dann wieder neu entdeckt.

Die eucharistische Anbetung zum Beispiel wurde immer seltener praktiziert. Aber nun gibt es die „Nightfever“-Abende – und eben diese Andachtsform findet plötzlich wieder den Zuspruch sogar junger Leute. Ähnliches gilt für viele Wallfahrten, deren Teilnehmerzahlen steigen; Santiago de Compostela etwa, Ziel des Jakobsweges, meldet Jahr für Jahr neue Pilgerrekorde, vorweg aus Deutschland.

Bräuche erleben ja auch im weltlichen Bereich mitunter erstaunliche Entwicklungen. Nehmen wir den Siegeszug der Oktoberfeste weit über den Weißwurstäquator hinaus. Wer hätte gedacht, dass inzwischen in gefühlt jedem zweiten Kleiderschrank der Republik eine Lederhose und ein Dirndl hängen?Vielleicht nur eine Mode. Aber die Leute machen mit, weil sie Freude daran haben. Sie sind mit dem Herzen dabei. Und nur dann können auch religiöse Bräuche und Rituale lebendig bleiben. Ein Gebet gedankenlos herunterleiern, eine Andacht gelangweilt absitzen, ein Kreuzzeichen mechanisch hinschludern – das ist nicht der Sinne der Sache.

Wer, um ebenso schlechtes wie treffendes Deutsch zu benutzen, sein Tischgebet nur zur Durchführung bringt, lässt es besser sein. Oder aber beschäftigt sich gelegentlich mit Herkunft, Sinn und Geschichte religiösen Brauchtums. Entdeckt dann womöglich dessen Vielfalt und Gehalt. Und dass alte Zöpfe, näher betrachtet, überraschend schmuck sein können.

Von Hubertus Büker