23.06.2022

Interview mit Ulrich Koch, Teamleiter Organisationsberatung

Wenn das Klima vergiftet ist

Der Kirchort Friedland mit der Heimkehrerkirche St. Norbert gehört zur Pfarrgemeinde Maria Königin des Friedens in Göttingen. Doch zwischen Kirchort, Leitungsteam und Bistum ist es zurzeit gar nicht so friedlich. Eine verschwundene konsekrierte Hostie war im März Auslöser für einen Streit, der inzwischen zu einem ausgewachsenen Konflikt geworden ist. In solchen Fällen versucht die Organisationsberatung (früher Gemeindeberatung) des Bistums zu helfen. Leiter der Abteilung ist Ulrich Koch.

Zwischen St. Norbert und der Pfarreileitung
ist es zu einem offenen Konflikt gekommen.
Wie kann ein solcher Konflikt gelöst werden?

Immer wieder kommt es zu kleineren oder größeren Konflikten auf Gemeindeebene, in Gremien, Einrichtungen oder wie in Friedland zwischen einer Filialkirche und der Gemeindeleitung. Wann ist ein Punkt erreicht, an dem Sie eingreifen?

Der Punkt ist dann erreicht, wenn wir von einer der Konfliktparteien um Hilfe gebeten werden oder wir einen Auftrag von der Bistumsleitung bekommen, eine Beratungsunterstützung anzubieten.

Wie läuft das Prozedere dann ab?

Im Normalfall versuchen wir uns erst einmal ein Bild der aktuellen Situation zu machen. Für uns ist ganz wichtig, den Konflikt, seine Ursache und seine Entwicklung genau wahrzunehmen und zu analysieren und alle Seiten vorurteilsfrei zu hören. Wir tun dies in einer Haltung der Allparteilichkeit. Oft wird dadurch schon viel Druck aus dem System genommen.

In dieser Phase machen wir uns auch mit den Beteiligten anhand der neun Eskalationsstufen von Friedrich Glasl ein Bild, wie weit der Konflikt bereits vorangeschritten ist: Sind wir noch bei der Verstimmung, also Stufe 1, oder schon bei Gesichtsverlust und Demontage und gehen an die Öffentlichkeit, Stufe 5, oder sind wir bereits bei der letzten Stufe 9 angekommen und bereit, den anderen mit in den Abgrund zu ziehen?
Davon sind dann die nächsten Schritte abhängig und auch die Methode, die wir wählen müssen. Auf den unteren Stufen reicht oft ein moderiertes Konfliktgespräch.  Sollten die Fronten aber so verhärtet oder das Klima vergiftet sein, dass eine Moderation nicht mehr ausreicht, sollte man eine Mediation anstreben. Dies ist eine stärker formalisierte Form der Konfliktbearbeitung. So eine Mediation kann langwierig sein, je nachdem welche Stufe der Konflikteskalation bereits erreicht ist. Ist man weit oben angelangt, versucht man zuerst einmal zu deeskalieren und überhaupt eine Gesprächs- und Vertrauensbasis aufzubauen. Nicht jede Mediation gelingt. Unsere Erfahrung ist:  Je früher die Beteiligten sich Hilfe suchen, um so höher ist die Chance einer gemeinsam getragenen Konfliktlösung.

Was für Möglichkeiten der Hilfe gibt es bei einer Konfliktlösung?

Manchmal hilft schon eine kollegiale Beratung vor Ort, eine gute Lösung für den Konflikt zu finden. So können Firmkatecheten und -katechetinnen den Rat der Katechetinnenrunde nutzen, um Konflikte in einer Firmgruppe zu bearbeiten. Wenn Gruppen oder Gremien in einer Pfarrei allein nicht weiterkommen, kann es auch hilfreich sein, jemanden aus dem Hauptberuflichenteam hinzuzuziehen. Sind diese in den Konflikt involviert, ist es ratsam, jemanden von außerhalb der Pfarrei anzufragen. Und hier kommt die Organisationsberatung als Unterstützungssystem des Bistums ins Spiel. Unsere Berater und Beraterinnen sind alle geschult in der Konfliktbegleitung. Voraussetzungen für eine Beratung sind: Alle lassen sich auf ein geregeltes Gesprächsverfahren ein und sind offen, die eigene Haltungen zu überprüfen und den Konflikt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Ist dies nicht gegeben, steigen wir nicht in die Beratung ein.

Wie schauen Sie aus Beratungssicht auf Konflikte und lassen sich diese unterscheiden?

Auch wenn für viele von uns Konflikte unangenehm sind, das Vorhandensein von Konflikten ist zuerst einmal etwas Positives. Sie sind Zeichen dafür, dass man sich aktiv für etwas einsetzt, eine Veränderung will und oft auch Missstände beseitigen möchte. Von daher kann ein Konflikt einiges an positiver Energie freisetzen und wie ein Kraftgenerator wirken, wenn man sich darauf einlässt, Kompromisse sucht, konstruktiv miteinander spricht und nicht auf seinem Standpunkt beharrt.

Wir unterscheiden da mehrere Konfliktarten. Auf der Sachebene sind das ganz klassisch zum Beispiel Verteilungskonflikte. Wer bekommt wofür wieviel Geld aus dem Haushalt? Wer darf wann den Dienstwagen benutzen? Wie wird freier Büroraum verteilt? Dann haben wir die Zielkonflikte. Da geht es um Ausrichtung, Zielvorgaben, Profilierung oder sich widersprechenden Zielen. Oder wenn es Differenzen da­rüber gibt, wie man dieses Ziel erreichen will, spricht man von Verfahrenskonflikten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Und dann gibt es noch Konflikte auf der Beziehungsebene. Da können unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebenserfahrungen aufeinanderprallen, Menschen verletzen sich persönlich oder es geht um Macht und Einfluss.

Wann ist Hilfe bei einer Konfliktlösung dringend erforderlich?

Dann, wenn der Konflikt nicht mehr kalt, sondern heiß ist, wenn er schon lange unbearbeitet unter der Decke brodelt. Das bedeutet: Es brennt, die Eskalation schreitet unaufhaltsam voran, sie hat den internen Raum verlassen, es gibt persönliche Verletzungen.

 

Ulrich Koch leitet das Team
Organisationsberatung.

Wodurch können Konflikte eskalieren?

Zum Beispiel, wenn sich jemand keine andere Hilfe mehr weiß, als an die Öffentlichkeit zu gehen, um Zuspruch und Unterstützung zu bekommen. Auch wenn er es vielleicht gar nicht beabsichtigt, zementiert er dadurch eine Position, verhärten sich die Fronten. Aber auch die Androhung von Strafen, die Beschränkung von Aufgaben und Einfluss, können dazu führen, dass sich Konflikte immer weiter hochschaukeln und die Eskalation immer schärfer und heftiger wird.

Was ist das vorrangige Ziel, wenn Sie in einen Prozess zur Konfliktlösung einsteigen?

Das wichtigste Ziel ist die Handlungsfähigkeit wieder herzustellen, dass die am Konflikt Beteiligten wieder miteinander reden können und sich wieder auf Augenhöhe begegnen. In einem solchen Prozess muss man auch schauen, ob bereits jemand auf der Strecke geblieben ist. Auch diese Personen sollten in den Prozess eingebunden werden.

Welche Rolle spielt Vertrauen bei einer Konfliktlösung?

Ohne Vertrauen geht es nicht. Die Konfliktparteien müssen zum Beratungsteam eine Vertrauensbasis aufbauen. Deshalb werden von uns immer Teams in einen solchen Prozess geschickt, die nicht in der Gemeinde beheimatet sind oder in einer sonstigen Beziehung zu dem Konflikt stehen. Sind wir alle zu nah dran oder wenn es Vorbehalte geben sollte, weil wir ja auch „von Kirche“ kommen, dann schauen wir in Ausnahmefällen auch nach externen Beraterinnen und Beratern, die dann den Prozess der Konfliktlösung übernehmen.

Interview: Edmund Deppe

Informationen zum Konflikt in Friedland finden Sie unter: www.maria-frieden-goettingen.de/news-liste/

 

Hier gibt es Hilfe, wenn es in der Gemeinde oder Einrichtung kriselt

Das Team Organisationsberatung ist dem Stabsbereich Organisationskultur im Bischöflichen Generalvikariat zugeordnet.
Ansprechpartner ist: Ulrich Koch
Telefon:  0 51 21 / 307-160
E-Mail: ulrich.koch@bistum-hildesheim.de
Mehr Informationen gibt es unter: www.bistum-hildesheim.de/service/angebote/beratung-fuer-pfarreien-und-einrichtungen/gemeindeberatung/konfliktmoderation/