12.04.2019

Leser fragen zum Thema Demenz

Wenn man alles vergisst und niemanden mehr erkennt

In unserer Reihe „Leser fragen“ geht es diesmal um das Thema „Demenz“. Ihre Fragen beantwortet Katharina Abel-Rohde. Sie ist Fachkrankenschwester für Gerontopsychiatrie und leitet den geschützten Bereich für Menschen mit Demenz im Altenheim St. Paulus in Hildesheim.

Für die Ehefrau ist es keine leichte Situation: Er erinnert
sich an vieles aus der Kindheit, aber was vor wenigen
Minuten war, ist bereits vergessen. | Foto: kna

Ich bin 83 Jahre alt und lebe seit dem Tod meiner Frau vor 4 Jahren allein. Wenn ich nach dem Mittagsschlaf aufwache, weiß ich manchmal nicht gleich wo ich bin. Es passiert mir immer öfter, dass ich im Supermarkt vorm Regal stehe, plötzlich nicht mehr weiß, was ich eigentlich einkaufen wollte. Bin ich dement oder ist das alterssbedingte Vergesslichkeit?

Viele Menschen, die irgendwann mal etwas vergessen, haben große Sorge, an einer Demenz zu erkranken und fragen sich, ob das schon die ersten Anzeichen sind.
Etwas nur zu vergessen, zum Beispiel einen Namen, den Einkaufszettel oder was ich gerade aus dem Keller holen wollte, ist in seltenen Fällen eine Demenz. In gewissem Rahmen werden die meisten Menschen in fortgeschrittenem Alter vergesslich.

Woran kann man erkennen, dass jemand an Demenz erkrankt ist?

Oft zeigt sich der Beginn einer demenziellen Erkrankung an einem ungewöhnlichen Verhalten. Rückblickend können Angehörige oft sagen, wann ihnen diese Verhaltensänderung erstmals aufgefallen ist. Da ist zum Beispiel eine sehr fürsorgliche, ordentliche Hausfrau, die plötzlich dem Kaffeebesuch am Sonntag­nachmittag weder Kaffee noch Kuchen anbietet, obwohl ihr das immer ein wichtiges Anliegen war. Auch wenn jemand beispielsweise immer Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild gelegt hat und nun ungepflegt und auffallend gleichgültig gekleidet ist, kann das ein Hinweis sein. Auch das Nichterkennen von guten bekannten Personen, Orten oder Ereignissen sollte abgeklärt werden. Manche Menschen ziehen sich besonders am Beginn einer Demenz zurück und scheuen den Kontakt mit Menschen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass mein Mann (75) gute Freunde nicht mehr erkennt. Muss ich Angst haben, dass er dement wird?

Sollte die Befürchtung einer demenziellen Erkrankung bestehen, ist es ganz wichtig, den Hausarzt oder die Hausärztin aufzusuchen.
Es gibt viele Erkrankungen, die ein ähnliches Symptombild machen zum Beispiel einige Stoffwechselerkrankungen, Medikamentennebenwirkungen oder eine Depression.
In hohem Alter ist als erstes zu klären, ob die betreffende Person genügend Flüssigkeit zu sich genommen hat. Bei einem begründeten Verdacht auf Demenz werden in einer neurologischen Praxis spezielle Tests durchgeführt, die dann zu einer Diagnose führen.

Kann ich erkennen, ob ich dement bin oder dabei bin dement zu werden?

Haben sie die Befürchtung, von einer Demenz betroffen zu sein, sollten sie sich möglichst früh in Behandlung begeben. Zum einen kann eine medikamentöse Therapie die Entwicklung von Symptomen verzögern und zum anderen ist es nicht ratsam in ständiger Angst zu leben. Je konkreter sie wissen, was mit ihnen oder ihrem Angehörigen los ist, des­to gezielter können sie sich Hilfen holen und um Verständnis bitten.

 

Katharina Abel-Rohde ist Fachkranken-
schwester für Gerontopsychiatrie
und leitet den geschützten Bereich
für Menschen mit Demenz im Altenheim
St. Paulus. | Foto: Deppe

Kann man eine Demenz verhindern, in dem man sich viel geistig beschäftigt?

Nein! Das Entstehen einer Demenz ist noch nicht geklärt und es gibt zur Zeit keine Therapie die eine Heilung sichert. Die Maßnahmen zur Prävention sind denen, die bei einer beginnenden Demenz Hilfe bringen ähnlich.
Machen sie alles das, was ihnen Freude bereitet. Sorgen sie für ihr Wohlbefinden und setzen sie sich nicht unter Druck. Fokussieren sie sich nicht ausschließlich auf ihre Krankheit, sondern nehmen sie die guten Momente im Leben wahr. Schaffen sie sich bewusst Situationen in denen sie sich sicher fühlen. Das kann ein jahrelang gepflegtes Hobby oder der Kontakt zu guten Bekannten sein. Kommunizieren sie viel und halten soziale Kontakte aufrecht.

Wenn man viel Kreuzworträtsel macht, keann das Demenz verlangsamen?

Für jemanden, der schon immer gern Kreuzworträtsel gelöst hat, ist das eine gute Methode, sich geistig fit zu halten.

Kann man präventiv etwas gegen Demenz tun und wann sollte man damit anfangen? Ich habe gehört, dass Tanzen geistig fit hält und Demenz vorbeugt. Stimmt das?


Empfohlen werden Aktivitäten bei denen das Gehirn und die Sinne in vielfältiger Weise angeregt werden, dazu gehören Tanzen und Singen. Auch das Kochen und gemeinsame Essen mit Freunden oder mit der Familie ist eine gute Präventionsmaßnahme.

Meine Mutter leidet an Demenz. Manchmal weiß sie nicht was für ein Wochentag ist. Können wir ihr irgendwie helfen, sich trotz Demenz besser zurechtzufinden?

Das ist immer individuell abhängig von der betreffenden Person. Kein Erkrankungsbild gleicht dem anderen. In allen Phasen der Erkrankung ist es wichtig, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten und das Selbstwertgefühl zu stützen. Versuchen sie als pflegende Angehörige die Welt durch die Augen der Erkrankten zu sehen. Hinter jedem noch so unverständlichem Verhalten steckt ein begründetes Motiv. Werden sie kreativ und scheuen sie sich nicht vor ungewohnten Lösungen, schenken sie Sicherheit, Vertrauen und Orientierung und vermeiden sie beängstigende Situationen.

Wann sollte man bei Demenz darüber nachdenken, einen nahen Angehörigen in einem Pflegeheim unterzubringen?

Viele Angehörige stehen irgendwann vor der Frage, wann ist der Zeitpunkt gekommen, meinen lieben Lebenspartner oder die Eltern in einem Altenheim anzumelden. Zuvor sollten sie sich jede erdenkliche Hilfe holen. Es gibt ein gutes Netzwerk rund um das Thema Demenz. Informationen dazu erteilen die Pflegestützpunkte in Niedersachsen, die Alzheimer Gesellschaft, aber auch alle ambulanten Pflegedienste.

Die Situation ist in unserer Familie (Eltern, drei Kinder und ein Hund) sehr belastend. Mein bei uns lebender Vater (66) ist dement und es wird immer schlimmer. Als Tochter fühle ich mich für ihn verantwortlich und möchte ihn nicht in ein Altenpflegeheim geben. Wie kann ich ihm und uns helfen?

Sie als pflegende Angehörige schenken viel Liebe und Fürsorge, oft werden eigene Bedürfnisse hinten an gestellt. Ich habe noch nie erlebt, dass Angehörige leichtfertig jemanden im Heim angemeldet haben. In den meisten Fällen ist es ein sehr schmerzlicher Prozess. Schön wäre, wenn am Beginn der Erkrankung über den Zeitpunkt eines Umzuges in eine stationäre Einrichtung gesprochen werden kann.
Die Pflege eines Menschen mit fortgeschrittener Demenz kann schnell körperliche und psychische Kräfte eines pflegenden Angehörigen überschreiten. Spätestens dann sollte über ein Altenheim nachgedacht werden. Dort werden ihnen die schweren Pflegetätigkeiten professionell abgenommen und sie können sich bei ihren Besuchen auf das Schöne und die verbleibenden Gefühle konzentrieren. Denn ein Herz wird nicht dement.

Wenn meine Mutter sich auch an nichts mehr erinnern kann, aber die Kirchenlieder und Kinderlieder von früher, die sitzen.

Daran kann man wunderbar anknüpfen. Gerade auch wenn Demenzpatienten unruhig sind, wenn sie sich unsicher fühlen, kann man mit ihnen singen – Kinderlieder und Kirchenlieder aus ihrer eigenen Vergangenheit – oder gemeinsam ein Gebet sprechen wie das „Vater unser“ oder das „Gegrüßet seist du, Maria“. Sie werden ruhiger, bekommen eine innnere Sicherheit. Außerdem kann man dabei eine sehr persönliche, intime Atmosphäre mit dem Vater, der Mutter, der Ehefrau oder dem Ehemann erleben. Man kann wieder einmal etwas gemeinsam tun. Und das fühlt sich gut an.

 

Beratung und Infoveranstaltung
Jeden ersten Montag im Monat (außer an Feiertagen) bietet Katharina Abel-Rohde unter der Telefonnummer 0 51 21 / 10 94 00 im Altenheim St. Paulus eine „Beratung für Menschen mit und ohne Demenz“ an. Die nächsten telefonischen Beratungstermine für 2019 sind: 6. Mai, 3. Juni, 1. Juli, 5. August, 7. Oktober, 4. No­vember und 2. Dezember.

Darüber hinaus bietet die Fachkrankenschwester für Gerontopsychiatrie Infoabende in Pfarrgemeinden an. (ed)

Nähere Informationen und Terminabsprache unter:
Telefon privat: 01 76 / 70 01 25 52
oder dienstlich: 0 51 21 / 10 91 01
oder per E-Mail an: abel-rohde@gmx.de