28.06.2019

In der Mutter-Kind-Klinik Langeoog können Mütter Kraft tanken

Zur Erholung auf die Insel

Immer mehr Mütter sind erschöpft, fühlen sich gestresst und überfordert. In der Mutter-Kind-Klinik Langeoog können sie binnen drei Wochen gemeinsam mit ihren Sprösslingen Kraft tanken und erhalten wichtige Anregungen für ihren Alltag. Jetzt plant der Diözesancaritasverband Hildesheim als Träger der Einrichtung erhebliche Investitionen und will das Angebot erweitern.

Krafttraining im Fitnessraum: Auch das gehört zum Programm der Mütter. | Fotos: Bode

Für manchen 12- oder 13-Jährigen sind vor allem die ersten Tage hart: Im ganzen Haus gibt es kein WLAN und die Apartments haben keinen Fernseher. „Medientechnische Zurückhaltung“ nennt Klinikleiterin Andrea Eberhardt-Soumagne das. „Die Kinder sollen ein Gefühl bekommen für Wasser, Luft, Wind, Tiere, Ebbe, Flut, die ganzen Naturgewalten. Sie sollen auf die Basis zurückgeführt werden, wieder durchatmen und sich selbst spüren können“ erklärt die 49-Jährige.

Die Voraussetzungen dafür sind ideal. Die Klinik befindet sich nur 150 Meter vom Strand, die Insel ist autofrei und hat das nordseetypische Reizklima. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben sich große Mühe, ein Kontrastprogramm zum heimischen Tagesablauf auf die Beine zu stellen – mit viel frischer Luft, Bewegung und Wissensvermittlung. So werden die Kinder im Laufe der drei Wochen unter anderem zu Langeooger Inselforschern. „Wie schnell können Seehunde schwimmen? Wie viele Beine hat die Strandkrabbe? Wie heißt das Wahrzeichen der Insel?“ In einem Heft mit Texten, Karten, Rätseln und Abbildungen gibt es dazu und zu vielen anderen Fragen rund um Insel, Meer und Watt Antworten. Und die Möglichkeit, eigene Erfahrungen aufzuschreiben und Bilder auszumalen. Erzieher, Sozialpädagogen und Heilerziehungspfleger kümmern sich um die Kinder.

Nicht nur für die Jungen und Mädchen bedeutet der Aufenthalt eine Umstellung, sondern auch für die Mütter. Manche Frau muss sich gleich zu Beginn der Kur von einer Illusion verabschieden: „Ich sage den Müttern gleich zur Begrüßung, dass sie keinen Fünf-Sterne-Well­ness-Urlaub gebucht haben“, erzählt die Klinik-Leiterin. Stattdessen erwartet die Frauen ein strammes Programm.

Vormittags getrennt, nachmittags gemeinsam

Jede Mutter erhält während ihres Aufenthaltes mindestens 50 Anwendungen, jede einzelne dauert zwischen 20 und 90 Minuten. Da An- und Abreisetag sowie die Wochenenden rausfallen, stehen pro Tag vier Anwendungen an. Dazu gehören unter anderem Sport am Strand, Gesprächskreise, Walking, Fitnessgeräte, Malen, Perlen aufziehen, Mandalas legen. Masseure, Physio-, Bewegungs- und Sporttherapeuthen stehen den Frauen dabei zur Seite. Hinzu kommen mindestens drei Gespräche mit Mitarbeiterinnen des Psycho-Sozialen Dienstes, am Anfang, in der Mitte und am Ende der Kur. Dabei geht es um den Umgang mit den Kindern, aber auch um die Faktoren, die die Frauen in ihrem Alltag besonders belasten. Während Mütter und Kinder vormittags getrennte Wege gehen, steht nach dem Mittagessen die Interaktion von Mutter und Kind auf dem Programm.

Es sind Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, die in die Mutter-Kind-Klinik kommen, von Hartz IV-Empfängerinnen bis zu Akademikerinnen, die meisten stammen aus der Mitte der Gesellschaft, sind Kauffrauen oder Beamtinnen, Buchhalterinnen oder Sekretärinnen. Die Jüngsten sind gerade 18, die Ältesten um die 60 – dann nicht als Mutter, sondern als pflegende Großmutter.

Ihre Indikationen sind ganz unterschiedlich: Neurodermitis, Asthma, rheumatische Erkrankungen, Probleme mit Rücken, Schulter, Beinen, Übergewicht. Fast immer im Mittelpunkt: ein psychisch-vegetatives Erschöpfungssyndrom. Viele Frauen kommen auch mit Mehrfach-Beschwerden. „Dann besprechen wir zu Beginn, welches Krankheitsbild während des Aufenthaltes schwerpunktmäßig behandelt werden soll“, sagt Dr. Katja Fischer, Leitende Ärztin in der Mutter-Kind-Klinik. Um alle Probleme anzugehen, reicht die kurze Zeit nicht. Mutter-Kind-Kuren sind eigentlich als Vorsorge-Maßnahme gedacht, tatsächlich kommen aber immer mehr Frauen in die Einrichtung, die eigentlich eine Rehabilitation benötigen. „Ärzte und Beratungsstellen vermitteln da oft falsche Vorstellungen“, kritisiert Fischer.

Die Ansprüche an die Erziehung sind höher geworden

Die Gründe dafür, dass viele Mütter an Erschöpfung leiden, sind vielfältig. Oft ist es schwierig, Beruf, Kinder und Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Viele Frauen pflegen zudem Angehörige und der Partner will auch nicht zu kurz kommen. Die Zahl der Alleinerziehenden, der Patchworkfamilien und der Trennungskinder hat zugenommen, vermehrt gibt es Kinder mit Auffälligkeiten – dem ist manche Mutter nicht mehr gewachsen.  Doch das ist es nicht allein, weiß Fischer: „Die Ansprüche an Kinder und Erziehung sind höher geworden, die Erwartungen der Eltern, des Umfeldes und der Gesellschaft sind gewachsen“, hat Fischer beobachtet.
 

Eine ganze Wand voll Aktivitäten: Andrea Eberhardt-Soumagne vor dem Anwendungsplaner.

Gleichzeitig sei das Verständnis dafür, was normal sei, geschwunden: „Viele Mütter haben kein Bauchgefühl mehr für ihre Kinder, eigentlich durchaus akzeptable Verhaltensweisen werden schnell als Krankheit eingestuft. Die Mütter sind verunsichert“, erläutert sie. Und so trifft die Ärztin kaum noch auf gesunde Jungen und Mädchen. „In den Augen vieler Eltern haben die Kinder ADHS, das Asperger-Syndrom oder brauchen mindes­tens Logopädie. Wenn das nicht zutrifft, sind sie angeblich hochbegabt.“ Stimmen Bild und Wirklichkeit nicht überein, muss Fischer viel Aufklärungsarbeit leisten. Tatsächlich sind allerdings viele Mädchen und Jungen, die mit ihren Müttern nach Langeoog kommen, krank, leiden an Übergewicht, Neurodermitis, Asthma. Nur die wenigsten sind reine Begleitkinder und haben selbst keine Probleme.

Untergebracht sind die Mütter mit ihren Kindern in drei Häusern: Sonnenschein, Flinthörn und Dünenheim. 82 Mütter und bis zu 134 Kinder zwischen 0 und 13 Jahren finden dort in 1-, 2- und 3-Raum Apartments Platz. Außerdem gibt es in den Häusern Mitarbeiter-Unterkünfte, je nach Saison arbeiten in der Klinik zwischen 40 und 65 Personen. Das Problem: Der bauliche Zustand der Häuser und die Inneneinrichtung sind sehr unterschiedlich, vieles stammt noch aus den 80er-Jahren und ist stark renovierungsbedürftig.

Das will der Caritasverband jetzt angehen und außerdem einen Neubau auf dem weitläufigen Gelände errichten. Dort sollen künftig Kuren für 45 bis 60 Mütter angeboten werden, die in Erziehungs- und Pflegeverantwortung stehen – und eine Auszeit ohne Kinder benötigen. Ebenso sollen die Plätze für die Mutter-Kind-Kuren aufgestockt werden. Dazu sollen die Mitarbeiter-Wohnungen aus den bisherigen Häusern ausgegliedert und in einer Dependance im Kern des Ortes Langeoog untergebracht werden. Renovierungen stehen auch im Haus Willehad auf Wangerooge an, mit dem sich die Mutter-Kind-Klinik Langeoog im Verbund befindet.
 

Malen und Basteln zur Entspannung – eine der Aktivitäten in der Mutter-Kind-Klinik.

Die kompletten Baumaßnahmen sind mit rund 35 Millionen Euro kalkuliert und werden etwa ein Jahrzehnt dauern. Die Caritas muss die Mittel nicht allein stemmen, eingeplant ist eine öffentliche Förderung von 45 Prozent.

Die Nachfrage nach Mutter-Kind- und nach Mütter-Kuren ist groß, das Engagement der Caritas auf Langeoog allerdings wirtschaftlich nicht immer einfach. Auf der Insel ist alles teurer als auf dem Festland, egal ob es um den Einkauf von Lebensmitteln, Reparaturen oder die Müllabfuhr geht. Außerdem muss für jede Mutter ein täglicher Kurbeitrag von 3,50 Euro entrichtet werden – finanziert aus den ohnehin knappen Sätzen der Krankenkassen. „Dennoch ist es uns in den zurückliegenden Jahren gelungen, schwarze Zahlen zu schreiben“, freut sich Klinik-Chefin Eberhardt-Soumagne.

Dass sich der Einsatz lohnt, davon sind die Teilnehmerinnen der Kuren überzeugt, so wie eine Lehrerin aus Hamburg. Die Zeit in der Mutter-Kind-Klinik hat ihr neue Kraft gegeben: „Ich konnte aus dem Hamsterrad ausbrechen und will mir jetzt auch zu Hause mehr Zeit für mich nehmen“, sagt sie.

„Wir sind Türöffner für den Weg, den man zu Hause weitergehen muss“, sagt Eberhardt-Soumagne. Dass dies gelingt, dazu soll ein Brief beitragen, den die Mütter an sich selbst schreiben und der sie nach ein, zwei oder drei Monaten erreicht – als Verstärkung und positive Erinnerung an ihre Zeit auf der Insel, ihre Zeit auf Langeoog.

Matthias Bode

 


Geschäftsbericht

Dieser Text stammt aus dem Geschäftsbericht des Bistums Hildesheim für das Jahr 2018, der in der kommenden Woche erscheint. Der Geschäftsbericht enthält weitere Berichte über das Leben im Bistum und informiert ausführlich über die wirtschaftliche Lage der Diözese. Er kann angefordert werden bei: Hauptabteilung Finanzen im Bischöflichen Generalvikariat, Domhof 18–21, 31134 Hildesheim.